Ich schließe genussvoll die Augen, als die ersten warmen Strahlen der Frühlingssonne mein Gesicht streicheln. Die Fahrt ist holprig und unbequem, doch immer noch besser als zu Fuß zu gehen. Das armselige Bündel des Hab und Guts, das ich bei mir trage, klammere ich ständig an mich, während sich unser Wagen ratternd durch den Wald quält. Als die Bäume die Sonne verdecken, fröstele ich im plötzlichen Schatten und ziehe unwillkürlich meinen warmen Wollmantel etwas fester um mich. Ich reise natürlich nicht allein, gut 20 Dutzend Menschen befinden sich mit mir auf dieser Reise, unter ihnen kein einziges bekanntes Gesicht. Ich gehöre zu den wenigen Glücklichen, die einen Sitzplatz in einem der Wagen ergattern konnten. Als dieser jedoch einen besonders heftigen Schlag abbekommt, beginne ich an meinem Glück zu zweifeln.

Plötzlich dringt der Klang einer Drehleier an mein Ohr. Ich schrecke unwillkürlich aus meinem Dämmern auf und erwidere das Lächeln, der überraschten jungen Frau, die mir gegenüber sitzt. Wir unterhalten uns nicht - zu ermüdend ist die Reise und ihre Entbehrungen. Vielleicht später.
Die Drehleier singt ihre melodische, wohl bretonische Klage in den Wald hinaus und entlockt meinem Herzen noch ein Quentchen mehr Wehmut. Wie gerne wäre ich zuhause bei Mutter und Vater, wie lang schon ersehne ich meine Rückkehr in die Heimat. Der Spielmann trägt Glöckchen an den Füßen, ich kann hören, wie sie im Takt der Musik schellen. Ich kann ihn zwar nicht sehen, doch was ich höre flößt mir Respekt ein: Ein wahrer Künstler vor dem Herrn.
Endlich fällt wieder Sonne auf mein Gesicht, als der Wald sich um uns herum lichtet. Noch einmal schließe ich die Augen und versinke in der rauen, aufschaukelnden Melodie der Drehleier...


...dann endet das Lied und der Zufallsgenerator meines iPods wählt einen Titel von Queen. Auch gut. Gerade als wir den Bahnhof Böblingen erreichen, schlage ich die Augen auf und nehme meinen unbequemen Rucksack, der eine eingedrückte Stelle auf meinem Oberschenkel hinterlassen hat.
Ich hasse S-Bahnen.