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  1. #29081
    Gerwin
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    QUOTE=Jeremias;266962]Ich empfinde ordentliche Rechtschreibung als ein Gebot der Höflichkeit und verwende sie daher auch in Chats, Messengern und bei Facebook-Kommentaren. Und das obwohl ich gar kein Deutschlehrer bin, sondern nur Naturwissenschaftslehrer.

    P.S.: Ich habe im Sommer einen sehr coolen Strafverteidiger kennengelernt, der auch bei den anderen Berufsjuristen im Saal Respekt weckte, weil er sauber beriet, keinen Unfug im Prozess machte und sehr genau wusste, was er rausholen konnte. Fand ich als Erstlingsrichter (ohne Robe) schon ganz cool.[/QUOTE]

    Der letzte Absatz ist für mich das beste Beispiel dafür warum "höfliche Formen", zumindest in meinen Beruf, oft nicht weiter führen und woran unser Schöffensystem krankt.

    Ich hatte im "willkommen zurück" Thread ja schon etwas dazu geschrieben und (da ich mich zugegegeben nicht ganz davon lösen will) hier noch etwas ausführlicher:

    Erfahrungsgemäß steigt mit der Qualität eines Strafverteidigers nicht unbedingt sein ansehen bei den Richtern Jeremias. Beispiel gefällig? Ein Belastungszeuge wird aus der JVA vorgeführt und steht (völlig offensichtlich) unter den Einfluss von Betäubungsmitteln. Richter, Schöffen und Staatsanwalt wollen schnell fertig werden. Richter fragt als erste Frage "Warum grinsen sie die ganze Zeit so". Zeuge "weil ich breit bin". Richter will mit seiner Vernehmung weitermachen. Richter, Staatsanwalt und Verteidigerkollege sind sehr schockiert als ich doch überdeutlich darauf hinweise, dass ein Zeuge unter BTM-Einfluss nicht ohne weiteres vernommen werden darf und hierfür den Richter auch unterbreche, ihm sogar ins Wort falle. Garantiert alles andere als höflich und den "guten Formen" entsprechend. Mir wurde ja auch das Wort nicht erteilt.

    Folge dieser Unhöflichkeit: Freispruch für meinen Mandanten.

    Wenn du weiter als Laienrichter tätig sein willst, was durchaus anerkennenswert sein kann, würde ich dir raten einige Wochen bis Monate bei einen Verteidigerkollegen ein Praktikum zu erleben um so tatsächlich ein umfassendes Bild vom Strafrechtsalltag zu erhalten (und zu erkennen warum vieles eben nur im, auch unhöflichen, Konflikt zu erreichen ist). Klar gibt es auch ruhige Prozesse bei denen jeder die gebotene Höflichkeit einhält. Dieses scheinbare Formerfordernis darf aber nie zu Lasten des Inhalts gehen.

    Gruß

    Gerwin

    *hat gerade seine sensible Schöffenwoche hinter sich.

  2. #29082
    oliverp
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    Ich bin da zwiegespalten:

    Einerseits bin selbst einer dieser Schnelltipper die nicht Alles wieder durchlesen, auch baue ich manchmal gern freudsche Verschreiber ein. Ich thematisiere sowas aber bei Anderen nicht, außer, es kommt was wirklich Lustiges dabei raus; dann sind aber auch umgekehrt Witze auf meine Kosten auch ok.
    Vor einigen Jahren hab ich hier mal "am öftesten" statt am "am häufigsten" geschrieben, darauf gabs massig abfällige Bemerkungen, das fand ich schon ziemlich nervig und kindisch in der Menge. War doof, gut, ist so.

    Andererseits erwarte ich eben auch eine gewisse Lesbarkeit und ein Ausdrucksvermögen auf Kompetenzniveau 1.

    Vll sollten wir uns Alle nochmal manchmal sagen "sei strenger zu dir, toleranter zu Anderen. Aber niemals toLLerant, in diesem Fall muß ein vernichtender Shitstrom über die Person brechen!!!elf!"
    Das Problem an dem Satz "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus" ist, dass sich jeder für den Wald hält. OliverP

    Beleidigungen sind die Argumente jener, die über keine Argumente verfügen, Ihr Pisser!
    Jean-Jacques Rousseau

  3. #29083
    Gerwin
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    Vielleicht sollten wir uns einfach bewusst machen dass Menschen generell Unterschiedlich sind und unser einseitiges Schulsystem auch nur eine Seite fördert. Ich finde es z.B. furchtbar wenn ein Referendar dank „Redeangst“ kaum ein Wort herausbekommt oder sich wegen jedem Komma absichern muss. Eigenartiger Weise lernt man den Kontroversen Vortrag bis heute aber kaum in der Schule. Statt dessen eben sehr intensiv Rechtschreibung. So schafft man Menschen die zwar die schriftliche Form, nicht aber den streitigen Vortrag beherrschen.

  4. #29084
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    Zitat Zitat von Gerwin Beitrag anzeigen
    Wenn du weiter als Laienrichter tätig sein willst, was durchaus anerkennenswert sein kann, würde ich dir raten einige Wochen bis Monate bei einen Verteidigerkollegen ein Praktikum zu erleben um so tatsächlich ein umfassendes Bild vom Strafrechtsalltag zu erhalten (und zu erkennen warum vieles eben nur im, auch unhöflichen, Konflikt zu erreichen ist). Klar gibt es auch ruhige Prozesse bei denen jeder die gebotene Höflichkeit einhält. Dieses scheinbare Formerfordernis darf aber nie zu Lasten des Inhalts gehen.

    Wie du eigentlich wissen solltest, habe ich jetzt ja gar keine Wahl mehr. Ich bin seit diesem Jahr Schöffe und das bleibe ich (so ich nicht ein hohes politisches Mandat erlange oder sowas) für die nächsten vier Jahre auch. Und wie ich meinem Schulleiter erklären soll, dass ich ein Praktikum mache, weiß ich auch noch nicht.

    Zum Inhalt: Die Beratung konnten die Berufsjuristen nur erahnen, aber da der Staatsanwalt das Verhalten des Angeklagten lobte und nahe am untersten Rand der möglichen Strafforderung blieb, ging man gemeinhin von einer guten Beratung durch den Verteidiger aus. Gleichzeitig forderte der Verteidiger ein Strafmaß, dass quasi genau im Wunsch seines Mandanten lag, einen Freispruch konnte er aufgrund eines (in der Verhandlung verlesenen) Geständnisses sowie des Wunsches des Mandanten eh nicht erreichen. Ohne zusehr ins Detail zu gehen, aber für eine bestimmte Personengruppe von Tätern gibt es ja aus medizinischen Gründen sinnvolle Alternativen zum Absitzen der Strafe.
    Übrigens hat der Verteidiger einen der Belastungszeugen auch direkt in Zweifel gezogen, der war also nicht weich oder überhöflich.

  5. #29085
    Gerwin
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    Ums abzukürzen. Klar kommst du vom Schöffenamt raus. Die ein oder andere fragwürdige Äußerung ("der ist doch eh schuldig" usw) und du bist weg. Geht sogar bei Berufsrichtern. Da ich mir eigentlich sicher bin dass du dir das ganze gut überlegt hast sollst du aber natürlich nicht raus.

    Du brauchst keine Genehmigung vom Chef. Dafür gibt es Ferien. Klar, ich kann verstehen wenn jemand sagt "nee..ganz so weit geht mein Ehrenamt dann doch nicht". Aber gerade an diesen Punkt krankt dann oft auch die Schöffen"ausbildung". Schöffen sind halt in der Regel durch das Gericht sozialisiert und nehmen deshalb auch dessen Sichtweisen an. Während ich einen Berufsrichter noch zutraue zu unterscheiden ob jemand "Konflikte um der Konflikte willen sucht/bzw seinen Mandanten durch möglichst lautstarkes Auftreten beeindruckt (das würde ich Schaumschläger nennen) oder ob eine Konfliktverteidigung tatsächlich Substanz hat ist das halt für Schöffen schwierig.

    Ich hoffe du erlebst auch einmal eine Konfliktverhandlung, und ich hoffe auch dann gibt's ein Lob am Ende. Es ist ja auch nicht so dass alles was Gericht und Staatsanwaltschaft tun automatisch falsch ist oder ich automatisch die besseren Lösungsansätze hätte. Dennoch frage ich mich nach jeder Verhandlung, in der ich für einen ruhigen, sachorientierten Verteidigungsstill gelobt werde, immer noch ob da nicht gerade was schief läuft. Ein Lob nach dem 30igsten Konfliktverhandlungstag hat da einfach einen anderen Stellenwert.

    Gruß

    Gerwin
    Geändert von Gerwin (29.09.2019 um 14:13 Uhr)

  6. #29086
    Jeremias
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    Och, da ich auch Konflikte mit meinen Schülern mag, bin ich da auch sehr gespannt. Ich lasse aber auch zugegeben mein Rechtsverständnis mit einfließen (was ja auch Sinn der Schöffen ist), welches die Wahrheitsfindung und eine möglichst sinnvolle Reintegration in die allgemeine Gesellschaft sucht. Aber wie im Lehramt: Ich bin ja auch noch sehr idealistisch, gerade am Anfang stehend.

  7. #29087
    Gerwin
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    Naja...das ist echt ein schwieriges Thema. Ich finde man muss sich erstens von einer wirklichen Wahrheitsfindung lösen (es wird viel gelogen vor Gericht, auch und insbesondere von Berufszeugen wie Polizeibeamten und Co denen Richter eine "hohe Glaubwürdigkeit" einräumen) und gerade diese Wahrheitsfindung um jeden Preis stört mich manchmal bei Schöffenprozessen. Da schon viel nach dem Muster "der sagt nicht aus, also MUSS er schuldig sein". Problemfelder wie Teilaussagen usw. sind Schöffen schlicht nicht bekannt. Und, um ehrlich zu sein, engagierte Lehrer sind auf Grund ihres pädagogischen Anspruchs mit die schwierigsten Schöffen (wenn auch nicht die schlechtesten im neutralen Sinn). Gerade im Jugendstrafrecht. Da habe ich oft echt den Eindruck dass der Pädagoge durchkommt alla "da müssen wir doch erziehen und helfen"...und eben nicht der Laienrichter. Die problematischste Konstellation war bei mir einmal ein Lehrerschöffe in einen Vergewaltigungsprozess. Da kam dann Pädagoge, White Knight und männlicher Beschützerinstinkt zusammen. Du glaubst gar nicht wie wütend der mich angesehen hat als ich das "Opfer" zum weinen gebracht habe. Tja...am Ende ist der Prozess im Freispruch geendet, das Opfer hat wohl gelogen. Ohne Konfliktverteidigung säße jetzt eventuell jemand unschuldig im Gefängnis. Natürlich pädagogisch sinnvoll.

  8. #29088
    Jeremias
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    Na, du wirfst da aber Dinge zusammen. Ein Lehrer ist nicht automatisch White Knight oder hat überbordenden männlichen Beschützerinstinkt. Richtig ist, dass Lehrer häufig mit einem hohen pädagogischen Anspruch ausgestattet sind. Da weiß ich aber jetzt nicht, warum dich das stört? Denn ist das nicht für den Strafverteidiger angenehmer als die "ALLE IN DEN KNAST"-Fraktion?
    Und natürlich ist ein Unschuldiger im Gefängnis *nicht* pädagogisch sinnvoll, das ist Quatsch. (Ich würde sogar das Gegenteil vermuten)

    Und dass Berufszeugen gefärbt berichten, fiel mir bereits bei diesem Prozess auf. Der eine Polizeibeamte hatte eine klare Einstellung zu Delikten dieser Art und das machte seine Aussage ... überdenkenswert.

    Warum aber lügende Zeugen/Betroffene/Tatverdächtige jetzt gegen eine Wahrheitsfindung sprechen, ist mir nicht klar. Denn gerade wegen den Unwahrheiten betreibt man doch die Wahrheitsfindung? Ich verstehe auch die Besonderheit von Teilaussagen nicht? In meinem einem Fall kam natürlich aus prozesstaktischen Gründen (oder aus Selbstschutz) eine Teilaussage, das konnte ich aber dem Angeklagten kaum übelnehmen, ich habe ihn sogar sehr gut verstanden. Und wer nichts sagt, sagt erstmal nichts. Das ist ja kein Beleg für irgendeine Seite. (Bei diesem letzten Punkt kommt aber natürlich der Naturwissenschaftler in mir raus)

  9. #29089
    Gerwin
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    Weil Strafrecht (wir reden hier nicht vom Jugendstrafrecht) aus meiner Sicht vom Erziehungsgedanken nicht überschätzt werden darf stört mich der pädagogische Ansatz. Strafrecht ist Strafe. Die Möglichkeit im Gefängnis oder durch Arbeitsleistung (oder "Zwangstherapie" ("also entweder Therapie oder Knast) pädagogisch zu arbeiten ist oftmals gering. Deshalb sollte ich mir gut überlegen jemand ins Gefängnis zu stecken und mein Urteil nicht von hinten aufzäumen ("pädagogisch ist a sinnvoll") sondern erst überlegen (kann ich ihm die Tat überhaupt nachweisen).

    Teilaussagen dürfen im Rahmen der Glaubwürdigkeitsprüfung verwertet werden. Lässt du dich zu Komplex A ein, zu Unterkomplex B allerdings nicht, kann dein Schweigen (anders als ein vollständiges Schweigen) negativ gewertet werden. Dir nun die Feinheiten zu vermitteln wäre ungefähr so schwierig wie mir ein Pädagogik-Grundstudium zu erklären. Aber gerade diese (rechtlichen) Gesichtspunkte verstehen Schöffen häufig nicht.

    Und Jeremias...die sind nicht automatisch White Knights, das ist schwierig. Viele tun sich aber schwer gewisse Denkmuster hinter sich zu lassen. Das geht mir genauso wenn ich (ausnahmsweise) als Nebenkläger auftrete. Da denke ich eben auch oft wie ich es als Verteidiger gewöhnt bin.

    Gruß

    Gerwin

  10. #29090
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    Zitat Zitat von Gerwin Beitrag anzeigen
    Und, um ehrlich zu sein, engagierte Lehrer sind auf Grund ihres pädagogischen Anspruchs mit die schwierigsten Schöffen (wenn auch nicht die schlechtesten im neutralen Sinn). Gerade im Jugendstrafrecht. Da habe ich oft echt den Eindruck dass der Pädagoge durchkommt alla "da müssen wir doch erziehen und helfen"...und eben nicht der Laienrichter.
    Öhm ... sollte das nicht genau der Sinn des deutschen Jugendstrafrechts sein?

    Zitat Zitat von Gerwin Beitrag anzeigen
    Weil Strafrecht (wir reden hier nicht vom Jugendstrafrecht) aus meiner Sicht vom Erziehungsgedanken nicht überschätzt werden darf stört mich der pädagogische Ansatz.
    Und redest du jetzt vom Jugenstrafrecht (s.o.) oder nicht?
    Nount und ich bloggen: Mondkunst
    Liverollenspiel im Münsterland: http://www.danglar.de

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