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  1. #1
    Gerwin
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    Inklusion/Gender/Toxic masculinity im Larp

    oder: wie viele Geschlechter braucht das Rollenspiel nun?

    Spontan ist mir, dank einer Facebookgruppe für Pen and Paperrollenspieler aufgefallen das Genderdiskussionen und geschlechtsspezifische "Grabenkämpfe" auch am Rollenspiel (zumindest in der Theorie) nicht vorbei gehen. Da ist dann von Toxic masculinity oder roll inclusive die Rede (und irgendwie machen Anglizismen das ganze gleich viel wissenschaftlicher ).
    Ich vermute dass eine generelle Diskussion hier den Rahmen sprengen würde und stelle mir daher nur einmal die Frage:

    "Was muss Larp (bzw. Rollenspiel) an diesen Punkt"?

    Und ganz provokativ würde ich an der Stelle eindeutig behaupten "nichts". Für mich war und ist Larp (und Pen and Paperrollenspiel noch viel mehr) eigentlich immer auch eine Welt gewesen die fernab von Moral und politischen Vorstellungen des Alltags sein kann. So habe ich zumindest einen Pen and Paper Charakter der sozialdarwinistisch angelehnte Thesen vertritt. Und hätte generell keine Schwierigkeiten damit diesen Charakter auch aufs Larp zu übertragen. Das gleiche gilt für eine geschlechtsspezifische Rollenverteilung die im Alltag der meisten Westeuropäer wohl längst überholt ist (der Mann als "Jäger und Krieger" die Frau die zu Hause bleibt und die Betreuung des Nachwuchs übernimmt.

    Problematisch würde der Bezug für mich grundsätzlich erst dann, wenn diese IT-Charakterzüge OT Auswirkungen haben (wenn also beispielsweise behauptet würde: "Nein, als Mann darfst du keinen Heiler spielen...das ist eine reine Frauenrolle"). Bei einer solchen generalisierenden Aussage die weit über das eigene Konzept, oder auch das Gruppenkonzept, hinausgeht würde ich die Problematik aber auch eher im OT Bereich ansiedeln. Gleiches gilt übrigens auch für die Gesamtproblematik von Charakteren (nicht Spielern) mit "nicht binären Geschlecht". Während die entsprechende Diskussion den meisten Menschen in unserer modernen Gesellschaft bekannt sein dürfte kann ich das vom typischen Nordmann nun nicht unbedingt erwarten.

    Daher die Schlussfrage: Wie geht ihr im Spiel (oder bei euren Charakter) mit politischen, religiösen oder gesamtgesellschaftlichen Einstellungen um die so in der OT-Realität nicht tragbar sind? Versucht ihr so etwas zu vermeiden, weil die Thematik zu viel Feuer hat? Versucht jemand beispielsweise Geschlechterrollen in denen er im Alltag "festhängt" im Larp ganz explizit aufzubrechen? Oder macht ihr euch im Rollenspiel keine Gedanken und spielt einfach.

    Gruß

    Gerwin

    P.S.: Thema haten wir schon mal ähnlich im Vorstellungsthread, aber irgendwie bin ich mir sicher dass es noch nie geordnet lief.

  2. #2
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    Es gibt LARPer, die IT die Meinung vertreten, Frauen gehören hinter den Herd und Männer müssen kämpfen. Da mich sowas OT ankekst, versuche ich dem aus dem Weg zu gehen. Mir egal, ob die das als tolles Konfliktspiel sehen, ich finde es ätzend. Mir ist es auch ziemlich egal, ob mein Gegenüber irgendeinem Geschlecht angehört. "Mensch" reicht. (IT-Rassismus ist ein anderes Thema.)
    Religionsstreit hingegen führe ich gerne. Gerne auch leicht überheblich. Dabei aber immer interessiert. Religionen kann man wechseln, Geschlecht wird schwer, deshalb finde ich, läßt sich dort besser drüber streiten.

    LG
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  3. #3
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    Naja, was bedeutet den für dich "es gibt Larper die IT die Meinung vertreten?".

    Wenn du den Eindruck hast "hier versucht jemand dass zu betreiben was er im realen Leben nicht kann" gebe ich dir ja durchaus recht. Rollenspielcharaktere sind doch aber vielfältig. Mein Furienkinfolk ist beispielsweise im antiken Griechenland mit sehr eingeschränkter Weltsicht aufgewachsen und bis heute davon überzeugt das Frauen eigentlich die Herrscher dieser Welt sind, während mein Lieblingsnordmann ganz gewiss eine Frau am Herd in keinster Weise ablehnt und sich zahlreiche Charaktere überhaupt keine Gedanken machen. Das sagt grundsätzlich nichts über mein (sehr viel komplexeres) OT Weltbild aus.

    Lustiger Fakt: Für dich mag Religion ein Thema sein welches man einfach mal eben "wechseln" kann. Für viele ist es das nicht. Zumindest auf Grund meiner OT Erfahrung wäre ich da ganz vorsichtig. Die Wahrscheinlichkeit heute als strenggläubiger Muslima mit Kopftuch (völlig unbegründet) einen Job nicht zu bekommen dürfte deutlich höher sein als die Wahrscheinlichkeit wenn du im Bewerbungsgespräch "ich bin übrigens nicht-binär" offenbarst. Und die nichtbinäre Person muss es ja auch nicht ansprechen. Zugegeben, bei Spielinhalten welche IT-Religionen oder nicht mehr wirklich gelebte OT-Religionen angeht habe ich weniger Schwierigkeiten.

  4. #4
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    Für mich IT wie OT ziemlich irrelevant. Wenn mir Morgen Haftor Björnsson begegnet und mich bittet, ihn "Barbaretta" zu nennen, weil er sein soziales Konstrukt gewechselt hat, dann tue ich das gern, macht mir ja keine Mühe, tut mir nicht weh. Wenn aber Identitätspolitikanhänger von mir vorsorgliche Beachtung fordern, dann ignorier ich das. Und alle normalen Leute um mich herum auch. Das ist eher so ein Blasending aus: sorglosem Dauerstudium + Twitter + prekäre Möchtegernjungjournalisten. Dort funktionieren "wokeness" und die daraus resutlierenden Empörungsspiralen und narrativen Opferhierachien eben - in der realen Welt nicht.

    Rollenspiel definiert sich immer noch so, dass IT-Handlung keine Konsequenzen fürs echte OT-Leben hat und gut ist. Und damit ist es auch genug für mich.
    Das Problem an dem Satz "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus" ist, dass sich jeder für den Wald hält. OliverP

    Beleidigungen sind die Argumente jener, die über keine Argumente verfügen, Ihr Pisser!
    Jean-Jacques Rousseau

  5. #5
    Gerwin
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    Zumindest den letzten Satz würde ich unterschreiben Oliver. Und genau das ist der wichtige Punkt. Die Trennung zwischen einer IT Aktion und einer vermuteten OT-Einstellung (oder OT Aktion).

  6. #6
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    für mich ist das Kriterium: ist es ausreichend vom echten Leben entfremdet?
    Also:
    Rassismus gegen Elfen, Orks, die ganze Menschheit ist ok; sollte aber (was ich noch nie erlebt habe) ein hypothetischer Nordmann IT-Rassismus gegenüber Orient-Charakteren spielen, fänd ich das Kacke.
    Sexismus als Matriarchat von mir aus gerne, ist OT meiner Erfahrung nach selten genug um irelevant zu sein. Patriarchale Strukturen und Einstellungen halte ich für deutlich zu präsent in der OT-Realität (ja, auch in Deutschland), um sinnvoll IT bespielbar zu sein.
    Gewaltbereitschaft, in dem Maße, wie sie von Vielen (incl mir selbst) gespielt wird wäre nach dem Kriterium eigentlich auch untragbar. Aber irgendwie scheint es halt Konsens zu sein, und die Abgrenzung zum OT scheint auch gut zu klappen. Vielleicht, weil wir OT eine so friedliche Subkultur sind? Keine Ahnung.

  7. #7
    Gerwin
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    Interessante Theorie Dalamon. Neben den Fakt dass ich ein (systematisches) Patriachat in Deutschland (zumindest in der Form wie es im Larp eine Rolle spielen würde...ohne Diskussionen wie "equal pay gap" und co) bestreite dann doch einmal eine Frage:

    Warum, selbst wenn es vorliegen würde, stört es dich im Larp? Die Idee "das ist mir zu OT" halte ich für schwierig, da auch diverse andere OT-Einstellungen direkt übernommen werden. Und selbstverständlich gibt es auch Personen die in einer frauendominierten Arbeits/Beziehungswelt feststecken. Für Beziehung halte ich das heutzutage sogar für häufig. Der Punkt ist für mich, dass du im Larp eine Wahl hast. Du musst dich keiner Gruppe mit patriachischen Strukturen anschließen oder eine familiäre Beziehung zu einen dominanten Mann eingehen. Hast du aber auf der anderen Seite das Recht diesen Personen (die dich ja nur am Rande betreffen) "vorzuschreiben" wie sie spielen oder ihr Spiel als Kacke abzulehnen? Wenn ja, warum?

    Ich würde sogar noch weiter gehen:

    Rollenspiel ist manchmal durchaus eine Art auch Dinge "auszuleben" die gesellschaftlich im realen Leben geächtet sind oder die man "zu Hause nie tun würde". Das beste Beispiel ist dort die von dir genannte gewaltsame Konfliktlösung.

  8. #8
    LarpTroll
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    Auf Frauen als Heimchen am Herd verweise ich IT gerne, wenn ich Spielerinnen provozieren möchte und das klappt immer. OT habe ich diese Einstellung nicht. Ich bin aber auch nicht OT betroffen. Leidet eine Frau schon OT unter dieser Zuschreibung und hört das dann IT auch nochmal, kann ich ihren Ärger schon verstehen. Heimchen an den Herd zu schicken, ist im Larp aber schon auch ein wenig komisch, denn da rennen überall Kriegerinnen herum. Wenn man die Rollen nicht gerade so im Hintergrund definiert hat, muss sich solch ein Kommentar daher schon ein bisschen aufs OT beziehen. Vielleicht liegt's auch daran.

    Möglicherweise stört es auch manchen OT im Larp, weil wir gerade in einer entsprechenden Debatte stecken und man dadurch sensibler reagiert. Während einer Amoklauf-Debatte, würde man vielleicht sensibler auf Gewaltspiel reagieren.

  9. #9
    Hana
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    Es ist halt blöd, Dinge, die Frauen schon OT nerven, noch IT zu wiederholen (endlich darf man mal ganz hemmungslos!), weil man die Frauen (auch OT) damit so schön provozieren kann ...
    Macho-Sprüche brauche ich in meiner Freizeit halt ebensowenig wie ich mich zum Spaß ein paar Stunden in einen Stau stellen würde.

    Wenn es OT keine blöden Sprüche mehr gibt, Frauen OT genauso ernst genommen werden wie Männer, das Thema Gleichberechtigung nicht nur auf dem Papier, sondern auch in der Realität endgültig durch ist - dann macht das Thema Frauen im Larp vielleicht auch Spaß.

    Bis dahin:
    Ich würde jedem dazu raten, als Herabwürdigungsgrund Spielelemente und nie OT-Elemente zu wählen. Also Geschlecht, OT-Aussehensmerkmale (Größe, Gewicht, Hautfarbe, Haarfarbe, Hautunreinheiten) etc. außen vor lassen.
    Wenn man Arroganz oder Abneigung gegen irgendwas zeigen will, hat man viele Möglichkeiten für Gründe: IT-Fantasyrasse, IT-Herkunft, IT-Religion, IT-Aussehensmerkmale (geschminkte Narben, Perücken, Frisuren [nicht Haarschnitt, sondern das Styling, also Zöpfe etc.]), Kleidung, Charakterakzent oder -dialekt ...
    Nount und ich bloggen: Mondkunst
    Liverollenspiel im Münsterland: http://www.danglar.de

  10. #10
    Gerwin
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    Was soll daran komisch sein? Hier hilft wieder der Bezug zur Realität. Denke über folgenden Satz nach

    "Den Mann einen Großteil der Kinderziehung erledigen zu lassen ist nicht okay, schließlich sind es immer noch die Männer die mehr verdienen".

    Funkts?

    Mal ganz davon abgesehen muss man hier glaube ich zwei verschiedene Themenfelder trennen. Wenn nun die Frau überhaupt keine Möglichkeit mehr hätte auf ihren Wunschcon Kriegerin zu spielen wäre das schwierig (und selbst das mag funktionieren. Siehe z.B. Cons im Drowsetting mit einer ganz klaren "Geschlechtertrennung" was das Machtlevel angeht). Die Kritik setzt aber schon früher an. Nämlich dann wenn Frau sich zum Beispiel bei der Rollenwahl GANZ BEWUSST für die (provozierend ausgedrückt) Heimchen am Herd Rolle entscheidet. Die Kritik setzt ja voraus dass sie das nur tut um ihrer gesellschaftlichen Rolle gerecht zu werden. Und das ist Quark. Wie ich das ganze dann nach aussen gruppenextren kommuniziere, ob einie externe Kriegerin, trotz entgegenstehenden Gruppenhintergrund ernst genommen wird usw. ist eine völlig andere Frage und gleichzeitig eine Frage des Fingerspitzengefühls. Aber das gilt für jeden Hintergrund der etwas vom "wir übertragen unsere moderne Weltsicht ins Fantasy und geben etwas Matriachat hinzu weil gerade cool" hinausgeht.

    Für externe Frauen habe ich bei Gerwin übrigens ne ganz einfache Lösung: Der hat für gewöhnlich zumindest eine Person dabei die sich IT um Kochen, Ordnung usw. kümmert. Da kein Bedarf an "Nachschub" oder einer theoretischen Diskussion besteht würde er die Kriegerin evtl. etwas meiden, aber unter Garantie nicht auf ihre Rolle am Herd aufmerksam machen. Die kann sicher eh nicht kochen!

    @ Hana: Grundsätzlich übrigens vollkommen richtig. Spiele ich eine Rolle oder einen Hintergrund um jemanden OT zu provozieren läuft was schief. Neben den Fakt dass man das gerade als Akkademiker auch andersherum kennt (das AGG sorgt bereits heute dafür dass bei gleicher Eignung die Frau eingestellt wird, eigentlich diskriminierend) kann ich dir aber als jemand der (auch) derartige Rollen spielt versichern dass es Personen gibt die diese Hintergründe durchaus schätzen, und ja..sogar das daraus resultierende "Konfliktspiel". Sprich, es gibt "Frauen im Larp" denen das (von jeglicher Seite aus betrachtet) bereits heute Spaß macht. Problematisch sehen das überdurchschnittlich oft Außenstehende. Und nein, wir reden hier nicht davon jede Plattenträgerin mit "blöde Amazone" vom Hof zu jagen.
    Geändert von Gerwin (08.11.2019 um 15:37 Uhr)

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