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Thema: Wo gehts hin?

  1. #1
    Lorenz
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    Wo gehts hin?

    Morgen zusammen,

    angeregt durch die Diskussion über Alex' High-Fantasy Grenadier, diverse Hexenjäger und andere "zeitspäte" Fantasy Charaktere wie Piraten und Musketenschützen, hab ich mir dann doch mal Gedanken gemacht.

    Wenn ich die letzten 7 Jahre mir anschaue, in denen ich dem Hobby fröne, haben wir im LARP ja schon eine gewisse rasante Zeitkurve an den Tag gelegt. Anno 2003 war das Früh- bis Hochmittelalter noch der Zeitrahmen für Charaktere und deren Hintergrundgeschichten.
    Kettenhemden, Lederrüstungen und einfache Gambesons waren der Usus, Bögen der normale Anblick bei Fernkämpfern und man spielte etwas, dass ich mal als "TolkienLARP" bezeichne:
    Ein Spiel locker basierend auf den Vorgaben der tolkienschen Werke ohne viel Technik, dafür aber manchmal recht hochmagisch.

    Früher war es noch exotisch, wenn Charakter wie im 16. Jahrhundert gekleidet waren und Feuerstöcke führten, die aber meist nicht funktionierten. Plattenrüstungen waren ein seltener Anblick und man legte mehr "Lockerheit" beim Mischen der Kleidung und Ausstatten der Charaktere an den Tag. Schwerter bei Anfängern waren normal und keiner hat sich dran gestört. Hauptsache war, dass man vom Look her in das Fantasybild im Kopf passte. Als Anfänger konnte man sich einfach irgendwas zusammenkaufen/-bauen und auf einen Con fahren und wurde erstmal, wenn man es nicht übertrieb, akzeptiert.

    Wenn ich dann heute betrachte, ist die "LARP-Zeit" ja heftigst vorangeschritten. Mittlerweile orientiert sich fast alles mehr am Spätmittelalter und der Frührenaissance und Charaktere, die eigentlich mehr ins 17. und 18. Jahrhundert passen würden, trifft man immer häufiger auf den Cons. Plattenrüstung sind die Norm und Kettenhemden eigentlich nur noch ein additiv. Schutzwerte für Lederrüstungen werden gerne mal komplett in Frage gestellt, da "historisch nicht belegt". Und Anfängern wird von Schwertern abgeraten und doch darum gebeten, dass sie sich einfache Charaktere wie Bauern, Tagelöhner oder Handwerksgehilfen zusammenschrauben sollen, um "mitmachen zu dürfen". Von Magie wird generell einem Anfänger abgeraten, da die Darstellung sehr schwierig ist (wenn man in die LARP-Realität schaut und wer da was wie zaubert, eigentlich eine unhaltbare Äusserung).

    Und dann gibts irgendwo auch Streitpotential, denn kaum eine Orga kann mit guten Regeln zu Feuerwaffen aufwarten, geschweige denn, dass es eine "Richtliniennorm" für solche Waffen gibt, an der man sich als Getroffener orientieren könnte. Und die werden mit voranschreiten der "LARP-Zeit" ja auch immer häufiger und bieten im Gegensatz zu Armbrüsten und Bögen auch immense Vorteile in der Trefferwirkung und Handhabung.
    In gewisser Weise ist das dann eher "Neo-Fantasy" mit nur noch lockeren Grundelementen von Tolkien.

    Jetzt frag ich mich ja schon, wo wir in 10 Jahren sind, wenn es so weitergeht. Wird die Orientierung am Frühmittelalter (bzw generell am Mittelalter) dann exotisch sein und wir schreiten eher in die Napoleonische Zeit vor, die dann gar nicht mehr kompatibel mit dem klassichen Ritter in schwerer Rüstung ist oder wirds dann doch die damals von Ralf Hüls propagierte "Trennung der LARP Szene" geben, um als Orga/SL nicht zu grosse Probleme bei den unterschiedlichen zeitlichen Charakterkonzepten zu haben.

    Versteht mich nicht falsch, gerade was Ausrüstung, Kleidung und auch Darstellung angeht, ist die heutige Zeit der damaligen Zeit durchaus vorzuziehen. Aber irgendwo haben wir auch die "Lockerheit" auf dem Weg verloren denke ich, wenn wir Anfänger beraten oder über zeitlich weit fortgeschrittene Charakterkonzepte diskutieren.

    Ich für mich stelle zumindest fest, dass mein Ritter, angelehnt an klassische "Fantasy" wie Herr der Ringe, Rad der Zeit und die Drachenlanzesaga, schwere Probleme mit Hexenjägern, Musketenschützen, besagten Südsee-Piraten und Steampunk-Charakteren hat, weil die Charakterkonzepte einfach weit auseinanderliegen.
    Ignorieren will ich solche Charaktere aber natürlich auch nicht, also muss ich mir jedesmal die "Con-Realität" zusammenbiegen, um nicht wie der dumme "Wilde" jedesmal vor Ehrfurcht zu erzittern, wenn jemand weitergehende Technik nutzt, als das, was in der klassischen Fantasy verfügbar ist.
    Gut, frei nach Pippi Langstrumpf "Ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt..." geht natürlich auch, ich finds aber manchmal recht anstrengend.

    Also, wo gehts hin im LARP?
    Immer mehr zeitliche Durchmischung auf den Cons oder doch eher irgendwann strikte Trennung, weil die Charakterkonzepte immer mehr auseinanderdriften?

    Oder ist das wieder einer der "Extremausschläge" in eine Richtung und der zeitliche Weg passt sich irgendwann wieder der klassischen Fantasy an?
    Basically... RUN!

  2. #2
    Kelmon
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    Also ich teile nicht Deinen Eindruck, daß es zwangsläufig immer "moderner" wird.

    Was geschehen ist, ist, daß Konzepte, die eigentlich schon immer vorhanden waren (zumindest 2003), nun einfach breitere Verbreitung finden. Den Musketier, den Plattenpanzer und Renaissancekleidung gab es damals auch schon. Ich erinnere ich, wie mich in meiner Anfangszeit 2004 Konzepte wie die Oschenheimer oder der Dampfpanzer von Eysenkleider fasziniert haben. Nun gibt's eben mehr davon.
    Man schaut eben voneinander ab, Bauanleitungen werden verbreitet und Händler stellen sich auf die Nachfrage nach bestimmten Konzepten ein. Und natürlich wird Ausrüstung teilweise billiger - wenn eben ein Händler irgendwann aufhört, in Deutschland zu produzieren, um einer größeren Menge Menschen billigere Ausrüszung anbieten zu können.

    Was ich nicht nachvollziehen kann, ist, daß sich angeblich alles an Spätmittelalter+ orientiert oder es kaum noch Kettenhemden gäbe. Was richtig ist, ist, daß der Schutzwert von Leder infrage gestellt wird und daß man von Schwertern für einfache Charaktere abrät. Warum auch nicht - Beides ist einfach eine ausprägung davon, daß der Wunsch nach einer stimmigeren Welt vorhanden ist. Ambiente wächst also. Das ist ja auch in anderen Punkten so. Das Epic Empires verbietet ab 2011 ja auch Iglu-Zelte.

    Die Gefahr, daß das ganze in immer und immer spätere Zeiten abrutscht, sehe ich darum nicht. Es gab nie Preußische Infanterie auf einem Con, und es wird auch keine geben.
    LARP-Anfänger: Schaut hier nach!

  3. #3
    Cartefius
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    Ich empfinde diesen Unterschied auch nicht so stark. Wenn, dann sehe ich eher die Tendenz zu immer spezialisierteren und differenzierteren Konzepten.

    Es stimmt, auf meinem ersten Con (Vinland II, irgendwas um '97) gab es noch keine Pistolen. Man kann aber keinesfalls behaupten, dass der besonders "Früh- und Hochmittelalterlich" inspiriert gewesen wäre, da liefen schon durchaus Leute in Pseudorenaissance-Vollplatten mit Klingenbrechern herum, und auch Repetierarmbruste habe ich da gesehen. Und der Dampfpanzer der Etrakliner ist wann das erste Mal aufgetreten? 2000?

    Auf der anderen Seite hatten zu meinen Anfangszeiten schon deutlich weniger Leute stimmige und stilistisch klare Konzepte. Die meisten Kostüme beschränkten sich auf Piratenhemd und Umhang, Rüstung und Wappenlappen, oder Robe, weder habe ich viele Landsknechte, noch Wikinger, Tolkienelben oder Warhammer-Orks gesehen. Die Kostüme waren schlichter, vorlagengeeignetes Fantasy-Artwork war durch die geringere Anzahl an Fantasy-Filmen und -Computerspielen seltener, und die Auswahl an Klamotten, Ausrüstung und Schnittmustern viel geringer. Damals war ja quasi das DragonSys "Buch der Gewandung" mit seinen Schnittmustern für Tuniken und Gugeln die Krone der Schneiderkunst.

    Wenn du jetzt sagst, dass das den Einstig für Anfänger einfacher gemacht hat, stimme ich dir teilweise zu: Auf meinem ersten Con war z.B. ein Spieler aus meiner Gruppe mit Cargohose, braunem T-Shirt mit Adidas-Aufdruck auf dem Ärmel, braunem Umhang und dicker Axt ausgestattet, und bei einem anderen war ich mir erst sicher, dass er sich tatsächlich schon umgezogen hatte, als er auch am zweiten Tag noch nur mit Turnschuhen, Jeans, T-Shirt und Schwert ausgestattet rumgelaufen ist.

    Andererseits war der Immersionsgrad im Larp damals oft aber auch extrem niedrig, sprich: Es sah einfach scheiße aus, und die Möglichkeiten für einen Einsteiger waren viel geringer. Wer damals Larpausstattung wollte, der konnte in meinem Umfeld entweder nach Köln in den Wohnhauskeller zur Schatzkammer fahren oder nach Bochum in die Drachenschmiede, und in beiden Geschäften gab es in erster Linie Kettenhemden, Lederrüstungen, Piratenhemden, Umhänge und natürlich Latexwaffen. Heute kann jeder am Computer aus zwanzig verschiedenen Larpläden wählen und seine Ausstattung zusammenkaufen, ohne auch nur einen Fuß vor die Tür zu setzen, und hat auch zu günstigen Preisen die Möglichkeit, sich problemlos akzeptabel auszustatten.

    Heutzutage gibt allerdings von diversen darstellerischen Exoten einfach mehr (Halb-Elf-Halb-Ork-Hybriden gab es hingegen auch da schon), und das beschränkt sich nicht nur auf "späte" Konzepte. Es gibt mehr Piraten, Hexenjäger und Steampunkcharaktere, aber auch mehr Mordor-Orks, Tierwesen, Römer und Wikinger. Das einzige, was vielleicht im Allgemeinen deutlich mehr geworden ist, ist die Akzeptanz von Feuerwaffen: Wenn ich bedenke, wass man vor einigen Jahren noch für Kämpfe ausfechten musste, wenn man mal eine Kanone oder Arkebuse mitgebracht hat, so hat sich dass doch deutlich geändert, was vermutlich auf die stärkere Präsenz von Fantasyvorbildern wie WoW oder Warhammer gegenüber Tolkien un DSA zurückzuführen ist. Trotzdem sind auf normalen Fantasycons meiner Erfahrung nach selbst einfache Pistolen die ziemliche Ausnahme. (Und was die "gute alte Fantasy der klassischen Dragonlance-Saga" angeht: Ritter in voller Plattenrüstung sind auch nicht gerade hochmittelalterlich, und die Tinker Gnomes sind purester Steampunk.)

    Und die werden mit voranschreiten der "LARP-Zeit" ja auch immer häufiger und bieten im Gegensatz zu Armbrüsten und Bögen auch immense Vorteile in der Trefferwirkung und Handhabung.
    Das kann ich hingegen nicht feststellen. Eigentlich sind alle projektilbasierten Larp-Feuerwaffen, die ich kenne, mit Ausnahme von mehrschüssigen Nerf-Guns, dem typischen Bogen oder der (glücklicherweise inzwischen etwas aus der Mode gekommenen) Handarmbrust klar unterlegen. Die Reichweite und die Treffgenauigkeit sind geringer, die Nachladezeit länger, und bei den meisten Systemen geht ein guter Teil der Treffer verloren, weil der Getroffene sie schlicht nicht bemerkt. Selbst der Einsatz von projektillosen Waffen nach der (meiner Meinung nach ziemlich dämlichen) "Windstoß!"-Regel ist zwar recht praktisch, aber auch nicht unbedingt effizienter als z.B. der Einsatz von Wurfmessern.

    Generell muss ich sagen, dass ich die Auffassung, früher wäre alles lockerer gewesen und heute wären die Ansprüche so mörderisch hoch, nicht teile. Klar, inzwischen gibt es sicherlich mehr herausragende Darstellungen als zu den Anfangszeiten des Larp, die vielleicht für den, der sich dafür interessiert, die Messlatte etwas höher hängen.
    Auf der anderen Seite erinnere ich mich noch gut, dass damals mein 18jähriger Magierlehrlingscharakter für seine selbstgefrickelte Baumwollrobe mit drahterstärktem Spitzhut Lob geerntet hat und mein Kollege mit ähnlichem Charakter, aber nur Schnürhemd und schwarzem Umhang, nicht (und hätte mir damals jemand den Tipp gegeben, die Robe lieber aus Mantelwolle zu machen, dann hätte ich sie sicherlich nicht so schnell weiterverschenkt sondern würde sie immer noch nutzen). Ebenso habe ich damals wie heute noch nicht erlebt, dass jemand vom Con geprügelt worden wäre, weil er mit Piratenhemd und Schwert aufkreuzt. Ich weiß aber noch, dass ich den Kerl in kompletter mehrschichtiger Waldläuferklamotte, Kettenhemd, speckigem beschlagenen Lederwams und jeder Menge Krimskrams echt cool fand und den anderen daneben nur in Wappenlappen und mit "Sturmbringer"-Runenschwert ziemlich dämlich.

  4. #4
    Justav
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    Erinnert mich an die Erkenntnis eines Freundes, der schon 2003 oder 04 feststellte, dass sich der LARP-Standard vom Früh- ins Hochmittelalter verschoben hat, verglichen mit unseren Anfangszeiten in den 90ern.

    Ich denke nicht, dass unsere Enkel generell Fantasy-Cons in der Napoleon-Ära veranstalten, kann mir aber durchaus vorstellen, dass es irgendwann eine größere Spreizung der Genres geben wird (gibt es ja jetzt auch schon mehr als vor 15 Jahren); also nicht nur die 08/15-Fantasy-Cons im Pseudomittelalter, sondern selbiges in einer Pseudo-Napoleonzeit oder auch Pseudo-Antike.
    So long

    Justav

  5. #5
    Alex
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    Hinzu kann ich auch nicht bestätigen, dass "wir" unsere "Lockerheit" verloren hätten. An Foren ist die Welt ja anders, als auf Con. Wenn da nicht gerade ein akutes Thema auf Con passiert, was gerade erst in einem Foren emotional verkocht wurde, ist das heute auch noch recht locker.

    Die Entwicklung sehe ich auch weniger an der realhistorischen Zeitlinie orientiert, als an der Entwicklung der Fantasy allgemein. WoW und Warhammer verändern das Verständnis der Fantasy halt, es ist auch natürlich, dass die Dinge sich entwickeln. Irgendwann ist der klassische Elfenabenteurer etc. halt durchgenudelt und was neues muss her. Irgendwann ist das durchgenudelt und es kommt wieder was neues. Und wenn das dann durch ist und nichts neues greifbar ist, läuft es wieder auf den Elfenabenteurer hinaus. Und mit einigen Generationen wiederholt sich das periodisch.

    Grüße,
    Alex

  6. #6
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    N'Abend,

    die angesprochene Verschiebung vom FrüMi zum HoMi/SpäMi ist m.E.n. nicht so gravierend. Es ist vermutlich nur deshalb auffällig geworden, weil die Gewandungsmöglichkeiten (erhältliche Schnittmuster/Inet-Shops) breiter gefächert sind.
    Zu meiner Anfangszeit (um die Jahrtausendwende rum), waren wir schon mächtig stolz auf einen guten Tunikaschnitt und unsere Wikihosen, die eigentlich den Schnitt unserer Jogginghosen darstellten.
    Es war halt einfach zu machen.

    Heute gibt's mehr Möglichkeiten. Bei "älteren" Spielern ist der Anspruch gestiegen, nach der 5 Wiki-Tunika mal Pourpoint / aufwändige Cotta / Beinlinge... zu schneidern.

    Grundsätzlich sehe ich die Anachronismen im Larp ähnlich wie im DSA-Umfeld verteilt. Die Mischung ist immer noch recht stimmig.

    Das einizige was mich stört, sind Schusswaffen.
    Ist aber meine persönliche Einstellung. Ich find die Dinger einfach schrecklich.

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