Hallo zusammen !!

Die Kurzgeschichte "Eine zweite Chance" hab ich hier in sonstiges gepostet, weil sie keinen Bezug zum Larp hat.

Geschrieben hab ich sie zur Zeit des jugoslawischen Bürgerkrieges. Sie war damals Teil eines Wettbewerbes in welchem kurze kriegsbezogene Geschichten (aber mit einer Antikriegs-Aussage) gesucht wurden.

Da Steffen hier nun das Kreativ-Forum eröffnet hat, dachte ich mir ich stelle sie einfach auch mal noch hier rein, für jeden zum lesen und nachdenken, denn an ihrer Aktualität hat sie bisweilen leider nicht verloren.




Eine zweite Chance
[align=justify]Es ist Krieg, in irgendeinem Land auf der Welt. Dort bekämpfen sich Menschen, töten sich gegenseitig und die meisten wissen noch nicht einmal warum. Ein normaler Bürgerkrieg, ein Glaubenskrieg, oder nur der Krieg von ein paar wenigen, die sich bereichern wollen? Keiner weiß es!
Viele Städte des Landes sind zerstört, zerbombt von Flugzeugen und nie enden wollendem Artilleriefeuer. Die Bevölkerung leidet Hunger, denn es gibt kaum Essen und Wasser, ebensowenig wichtige Medikamente, so daß viele krank sind. Seuchen breiten sich aus. Niemand traut sich auf die Straße, um nicht von irgendwelchen Heckenschützen erschossen zu werden. Mit den Nachbarn gesprochen wird auch nicht mehr, sie könnten ja zur Gegenseite gehören.

In irgendeiner Stadt in diesem Land, sitzt in einem inzwischen baufälligen Haus eine junge Frau auf einer alten Steinbank am Kamin. In den Armen hält sie ihr Kind, einen kleinen Jungen, der erst vor wenigen Wochen inmitten eines Luftangriffes zur Welt kam. Während er geboren wurde, starben die Nachbarn durch eine Bombe.
Auch den Vater wird der Junge niemals kennenlernen. Er wurde von den eigenen Leuten als Verräter erschossen. Warum? Das weiß niemand so genau.
Sie sitzt am Kamin und wiegt ihr Kind in den Armen. Es ist kalt. Man kann den Atem der beiden sehen. Doch im Kamin brennt kein Feuer. Die junge Mutter hat nichts mehr, was man verfeuern kann.
Das Kind schreit, denn es ist krank. Gelegentlich wird sein Schreien von einem schlimmen Hustenanfall unterbrochen, dem Beginn einer Lungenentzündung. Es bräuchte dringend Medikamente, doch es gibt keine mehr.
Aber das Kind schreit auch weil es Hunger hat. Seine Mutter würde es gerne stillen, doch sie selbst hat seit Tagen nichts vernünftiges mehr gegessen. In ihren Brüsten ist keine Milch mehr. Sie flüstert ihm beruhigende Worte ins Ohr und versucht nicht daran zu denken, wie es weitergehen soll.
In der Ferne hört man die Motoren von Flugzeugen, Sekunden später die Explosionen der ersten Bomben. Ein neuer Luftangriff auf die Stadt hat begonnen.

Verlassen wir die junge Mutter mit ihrem Kind und gehen zu einem anderen Land auf der Welt. Dort herrscht kein Krieg und es gibt Nahrung und Medikamente im Überfluß. Hier lebt in einer großen Stadt ein Mann. Er hat eine Villa mit Swimmingpool und Blick aufs Meer.
In diesem Moment liegt er mit seiner hübschen Frau auf der Terrasse im Garten und hört Radio. Als Inhaber eines kleinen Konzernes, welcher die Technik für Lenkwaffen herstellt, kann er es sich leisten, ab und zu nicht zu arbeiten, und die Firma seinen Untergebenen zu überlassen.
In einiger Entfernung des Paares steht der Kinderwagen mit ihrem Sohn. Er ist erst wenige Wochen alt, aber schon sehr lebhaft. Augenblicklich schläft er jedoch, und das Kindermädchen, daß auf einem Stuhl neben dem kleinen Jungen sitzt, ist froh, etwas zur Ruhe zu kommen.
Im Radio laufen gerade die Nachrichten. Der Sprecher berichtet von neuen, schweren Kampfhandlungen in jenem Land, wo schon seit Monaten ein erbitterter Krieg geführt wird.
In den Augen des Mannes flackert es. Es bedrückt ihn, daß dort Menschen erschossen werden mit Waffen, bei deren Produktion seine Firma beteiligt war. Doch er weiß auch, daß wenn nicht er, jemand anders diesen Leuten Waffen bauen würde.
Er blickt zu seiner Frau, die neben ihm liegt und schläft. Sie liebt ihn, obwohl sie weiß, was sein Konzern herstellt. Dafür ist er unendlich dankbar.
Im Hintergrund hört er das vergnügte Quietschen seines Sohnes, der gerade wieder erwacht ist. Er hofft nur, das sein Sohn eines Tages einen anderen Beruf erlernt, so daß er die Firma eines Tages verkaufen kann, damit sein Sohn nicht sein Geschäft übernehmen muß.
Entspannt lehnt er sich zurück und lauscht dem Gesang des Kindermädchens, welches ein schönes Lied für seinen Sohn singt.

Kehren wir wieder zu der jungen Mutter mit ihrem kranken Kind zurück. Sie sitzt noch immer auf der Steinbank am Kamin und wiegt ihren schreienden Sohn in den Armen.
Die Explosionen der Bomben kommen immer näher. Staub und Putz fallen von der Decke des Hauses. Sie preßt ihren Sohn fest an sich und beugt sich über ihn, um ihn zu schützen. Sie will beten, beten zu Gott, daß er diesem Wahnsinn ein Ende macht, daß alles wieder so wird wie früher, doch sie kann es nicht. Sie hat all ihre Hoffnungen verloren. Sie wünschte nur, sie hätte ihrem Sohn ein besseres Leben geben können, ohne das Leid und die Schrecken des Krieges.
Eine Bombenexplosion ganz in der Nähe läßt die Wände erzittern. Die junge Frau schrickt zusammen und drückt ihr Kind noch fester an sich.
Der Kleine schreit nicht mehr, stumm liegt er in den Armen der Mutter. Das kleine Herz des Jungen hat aufgehört zu schlagen, kaum daß es begonnen hat. Seine Mutter will weinen, trauern um ihren toten Sohn, doch sie kann nicht. Ihre Tränen sind in den langen Monaten des Krieges verbraucht worden, ihre Augen bleiben trocken.
Den ganzen Luftangriff über bleibt sie auf der Bank am Kamin sitzen, wiegt ihr totes Kind in den Armen und schützt es vor herabfallenden Trümmern. Auch lange Zeit nach dem Angriff sitzt sie noch dort.
Als der Morgen graut, verläßt sie ihr zerstörtes Haus, wandert ziellos durch die Straßen, noch immer ihren toten Sohn tragend. Überall werden Leichen aus den Trümmern gezogen und auf Haufen zusammengeworfen. Man kann nicht für jeden Menschen, der in diesem Krieg gestorben ist, ein Grab ausheben, auch keine Massengräber. Also werden die Toten verbrannt.
Auf einen dieser Haufen, einen, der noch nicht brennt, legt die Frau ihren toten Sohn. Teilnahmslos tritt sie zurück und sieht zu, wie die Leichen angezündet werden. Tränen beginnen aus ihren Augen zu strömen, als sie auf den brennenden Leichnam ihres Sohnes blickt, dann wird die Frau von Krämpfen geschüttelt. Das Leid und der Schmerz haben die Mauer gebrochen, die sie in ihrem Inneren errichtet hatte, haben ihr Herz erreicht.
Ein Soldat, der sie zufällig beobachtet hat, tritt zu ihr und nimmt sie in den Arm, hält sie einfach nur fest, wartet bis sie sich beruhigt hat. Dann führt er sie weg. Wohin? Wir wissen es nicht, entweder in den Tod oder in ein neues Leben.

Doch kehren wir noch einmal zurück in die Zeit des Bombenangriffes. Im gleichen Augenblick, in dem das Kind in der zerbombten Stadt stirbt, setzt auch das Herz des Jungen in der Villa des Konzernbesitzers aus.
Doch das Kindermädchen ist sofort zur Stelle. Mit geschulten Bewegungen massiert sie mit zwei Fingern den Brustkorb des Kindes und bläst einen Hauch ihres Atems in die kleine Nase. Nur Sekunden nachdem das kleine Herz ausgesetzt hat, beginnt es wieder zu schlagen und der Junge quietscht vergnügt vor sich hin, als wäre nichts geschehen.
Überglücklich drückt das Kindermädchen den kleinen an sich, Tränen der Freude laufen über ihre Wangen. Behutsam und vorsichtig legt sie ihn in den Kinderwagen zurück und läßt sich erleichtert in ihren Stuhl sinken. Sie hat es geschafft. Das Kind wird weiterleben.

Was niemand weiß ist, daß in dem Körper des kleinen Jungen nicht mehr das selbe Herz schlägt, nicht mehr dieselbe Seele wohnt. Ein anderes Kind, welches gestorben ist in einem Krieg, von dem es nicht einmal wußte, hat von einer Macht, die wir nicht verstehen können, die Chance erhalten auf ein neues Leben ohne Schmerz, Hunger und Leid und ohne die Schrecken des Krieges, die Chance behütet und von schlimmen Ereignissen weit entfernt aufzuwachsen. Eine zweite Chance!


[align=right](c) 1996
Oliver Mayer